Irgendwo auf Vanaar ...

Pulsierend wie eine Ader ermächtigt sich der Kronfluß gewaltsam seine Wege unter dem bleichen Mondeslicht. Stolz und erhaben trotzt die Feste dem tobenden Unwetter. Ein eisiger Sturm peitscht den Regen durch die kalte Nacht, als nasse Hände entschlossen den Metallring umfassen um damit an eine schlichte Holztür zu pochen. Schauderhaft reflektiert der eiserne Türklopfer die Blitzlichter, welche kurz die Dunkelheit besiegen.

Die Alte muss nicht lange warten, schon kurz darauf öffnet sich die Türe und sie wird von einer großen, männlichen Gestalt mit hastigen Handbewegungen hereingebeten. „Dazu ist keine Zeit!“ zischt es ungeduldig durch seinen Vollbart, als die hagere Frau Anstalten macht, sich ihrem triefenden Wollumhang zu entledigen. Schreie verhallen in den dunklen Gängen des hübsch eingerichteten Hauses. Beide eilen auf einer hölzernen Wendeltreppe ins Obergeschoss. Kunstvoll geschnitzte Blumen und Ranken zieren das ebenfalls hölzerne Geländer und die Alte fragt sich im Stillen ob der Hausherr wohl den Beruf eines Handwerkers ausübe.

Vor einer schmalen Tür hält der Mann, legt flehend seine Hände auf ihre zarten Schultern. Mit verschränkten Armen lässt er sich auf einem Stuhl zwei Schritte weit entfernt nieder. Noch immer entschlossen öffnete die Alte die schmale Tür.

Von Schmerzen gepeinigt und schweißgebadet liegt sie da. Die weißen Laken übers Bett gebreitet, das Gesicht schmerzverzerrt und die Glieder verkrampft, den Nacken überstreckt in das Daunenkissen gepresst. Ihr langes, blondes Haar klebt in Strähnen auf ihrem sonst so hübschen Antlitz.

„Nein!“ hört sie sich selbst schreien während sie mit beiden Händen an die Wölbung ihres Unterleibes fasst, doch sie weiß noch nicht, welch dunkles Geheimnis das Kind in Ihrem Schoss umfasst. Ein Übel von solcher Macht, dass es den Fortbestand ganz Vanaars gefährden konnte.

Ihr Gesicht wirkt erleichtert als sie die hagere Gestalt erblickt. Die fast kreisrunden, tiefbraunen Augen der Alten strahlen eine Warmherzigkeit und Güte aus und ihre Hände Entschlossenheit und Erfahrung. Wie viele Kinder mögen bereits in ihre Arme geboren worden sein? Sie selbst vermag es nicht mehr zu zählen.

Für einen kurzen Augenblick sind die Schmerzen der jungen Frau so überwältigend, dass ihr Schrei darin erstickt. Dann jedoch flüchten die Schmerzen hinter Nebelschwaden, die sich mit jedem Augenblick zu verdichten scheinen. Nun herrscht Stille, welche wie eine quälende Ewigkeit zu währen scheint, bis sie von einem erlösenden Schrei durchbrochen wird.

Das Kind, welches die Alte vom Bauch der Mutter gehoben hatte, gibt das elementarste aller Lebenszeichen von sich. Sogleich wickelt sie den kleinen, zerbrechlichen Körper behutsam in ein sauberes Laken und tritt an die Bettkante. Während sie dem kleinen Bündel noch zärtlich das blutverschmierte Gesicht mit einem Zipfel der Decke reinigt, ändert sich plötzlich etwas in ihrem Blick, die Güte wird vom Grauen abgelöst und der schockierte Blick der Alten, versetzt die Mutter in Unruhe. Ohne zu antworten und bedacht, beugt sich die Alte zu ihr herab und hält ihr das Bündel hin. Mit zitternden Händen befreit die junge Mutter ihr eigen Fleisch und Blut von den weichen Leinen. Als der kleine Körper sichtbar wird, weiten sich ihre Augen vor Entsetzen. Graue, pulsierende Fäden ziehen sich wie feine Spinnweben über den zarten Körper. Was für einen merkwürdigen Ausdruck es im Gesicht birgt, als würde man in die Fratze des Teufels blicken. Ein kaltes Grinsen breitet sich um die Mundwinkel des noch blutigen Klumpens, als es seine vermeintlichen Augen öffnet. Doch anstelle faltiger kleiner Kindesaugen, furchen große schwarze Höhlen einen Weg in den Kopf des Neugeborenen. Ungläubig und starr vor Angst blickt die junge Frau in die Augenhöhlen ihres Kindes und erkennt mit Entsetzen ihr eigenes Spiegelbild darin, wie zwei sich spiegelnde Seen, welche vom Mondlicht beschienen werden.

Von dem Kleinen kommt kein Laut, aber doch spürt die Mutter die Schmerzen als wären es ihre eigenen. Mit einem Ruck wirft die völlig verängstigte Mutter ihr Kind von sich. Am Holzboden aufgeprallt beginnt es blau anzulaufen. Schwarzes Blut, dick wie Sirup, läuft stockend aus den Wunden und verbreitet einen faulen Gestank.

Wie unter der Macht unsichtbarer Marionettenfäden setzt sich das Kind plötzlich auf, ruckartig bewegt es seinen Kopf, fixiert für wenige Momente jeden im Raum. Plötzlich umschlingt eine Stille das Haus, welche vollkommen ist, um dann von einer Flutwelle des Grauens überwältigt zu werden.

Die Alte weicht langsam zurück während die Mutter fassungslos auf ihr am Boden liegendes Kind starrt: „Im 10. Monde dieses Jahres!“ wiederholt die Teufelsbrut unaufhörlich, immer schneller. Der Boden bebt vom Nachhall jener Worte und die Wände beginnen, wie es selbst, rot zu erleuchten.

Der ekelhafte, nun leblos scheinende Klumpen wird schwarz, tiefschwarz. Die Augen beginnen sich langsam zu erweichen und schwarze, gallertartige Masse tritt aus ihren Höhlen, als der Körper der Kreatur langsam anfängt zu zerlaufen.

Das Morgengrauen erwacht, welches in zarter Fassion die umliegenden Bäume mit eisigem Tau verziert während die Schreie dutzender Raben in dichten Nebelschleiern verhallen.

Zusammengekauert, den Wollmantel fest um ihren Körper gewickelt und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sitzt sie da. Die schützenden Mauern der mächtigen Feste im Rücken. Nach jener unheilvoll geschwängerten Nacht, könnte ihr kein anderer Platz mehr Trost und Geborgenheit spenden als die Kreuzen, die lichtbringede Feste Kreuzen.

War das wirklich alles geschehen? Noch immer hofft sie, von einem immerwährenden Alptraum zu erwachen. Obgleich sie die Eiseskälte in diesen Tagen in ihrem Gesicht nicht wahrnimmt, schläft sie nicht. Sie ist hellwach.

"Wie viele Kinder noch? Wie viele denn noch?" beginnt sie zu unter Tränen zu schluchzen, als ob sie eine Antwort erhoffte. Nach und nach bahnen sich die grausamen Erinnerungen der letzten Tage wie stechende Flammen, durch ihren Kopf: Das Kind der jungen, blonden Frau und des so begabten Handwerkers letzte Nacht, die klägliche Geburt der Bauerstochter vor vier Monden, der Sohn des reichen Händlers aus Waydwayg und dann die vielen Nachrichten von ihren Schwestern aus dem Hebammenzirkel.

Nein, es macht vor niemandem Halt, allen gedeiht das gleiche Übel. Wann wird es aufhören? Wer besitzt die Macht, diesem unheilvollen Schicksal ein Ende zu setzen?

Epilog

Er war zurückgekehrt. Keiner hatte mehr daran geglaubt. War er tot oder steckte doch noch ein Funke Leben in ihm? Ein wimmerndes Bündel aus Blut und Dreck. Nur mit Gewalt liessen sich seine Arme herunterdrücken. Seine Finger waren verkrallt in seine eigenen Augenhöhlen, das Blut schoß daraus hervor. Wie von einem Blitz niedergestreckt, zuckte plötzlich der ganze Körper. Unzusammenhängende vor Leid triefende Worte sprudelten über seine zerissenen Lippen.

"...wir hatten niemals eine Chance. Waren zum Tode verdammt. Der Einzelne war dem Verderben ausgeliefert, doch noch viel schrecklicher war das gemeinsame Leiden, die gemeinsame Last, kein Entrinnen. Erlöst mich, erlöst mich doch endlich und lasst mich vergessen..."

Er ward der einzige gewesen, der jemals zur Kreuzen Feste zurück fand. Es wäre wohl besser gewesen, er hätte es nicht geschafft. So wuchs das Grauen unter den Verbliebenen und die Hoffnung schwand und schwand dahin.